Die Kunst der Gewerke

Eine Praxeographie des Theaterapparats

Forschungsprojekt, gefördert von der   

Projektleitung: Prof Dr. Ulf Otto
Mitarbeit: Luise Barsch, M.A., Anna Raisich, M.A.

2022-2025 (Ludwig-Maximilians-University Munich)

Forschungsblog @ hypothesis

Theater wird traditionell als eine wesentlich soziale Kunst aufgefasst und ist in den letzten Jahren verstärkt aus mikro- wie makrosoziologischer Perspektive in den Blick geraten. Wenig Beachtung hat bislang jedoch die soziotechnische Dimension des Theaters gefunden. Denn gerade die Gewerke und der Betrieb, dank derer ästhetische Prozesse im Theater wesentlich mit materieller Kultur und technischer Infrastruktur verschränkt sind, bleiben im Rahmen eines hylomorphistischen Kunstbegriffs, der Kunst kategorisch von Technik trennt, zu nachrangigen Werkzeugen degradiert, die kunstwissenschaftlich bislang kaum satisfaktionsfähig waren. Das Projekt zielt daher auf eine theoretische Rehabilitierung des Theaters als Apparat durch eine empirische Untersuchung von Praktiken der Produktion, und damit nicht zuletzt der Menschen, Maschinen und Materialien in den Gewerken. In drei eng verknüpften Teilprojekten wird die Kunst des Theaters im alltäglichen Betrieb beobachtet, und zwar an eben jenen Orten und in jenen Tätigkeiten, in denen sie gewöhnlich nicht situiert wird: (a) in der Herstellung von Gegenständen in den Werkstätten, (b) in der Verwaltung von Ressourcen in den Betriebsbüros, (c) in der Abstimmung von Abläufen in den Technikräumen. Den Dingen, Körpern und Zeichen folgend, die durch diese Orte hindurchgehen, ihre Wege nachvollziehend, wie auch die Veränderungen und Verschränkungen, die sie auf diesen Wegen durchmachen, fragt das Projekt nach dem unauflösbaren Ineinander von Semiotischem, Materiellem und Sozialem in der Artikulation ästhetischer Propositionen – und zwar an eben jenen Punkten, wo diese durch technologische Umbrüche einem Wandel ausgesetzt sind. Damit verbunden ist ein epistemischer Perspektivwechsel vom Zuschauerraum auf die Hinterbühnen des Theaters, der sich methodisch Verfahren der Kulturanthropologie annähert, diese aber eng mit einer historischen und theoretischen Perspektive verknüpft. Maßgeblicher Bezugspunkt ist daher weniger die (europäische) Ethnografie als vielmehr eine Praxeografie im Sinne Annemarie Mols, deren empirische Philosophie in der Tradition von Actor-Network-Theory (Latour) und den (feministischen) Science and Technology Studies (Haraway) steht. Damit zielt das Projekt nicht zuletzt auf eine Dezentrierung des Aufführungsbegriffs und die theaterwissenschaftliche Ausformulierung eines Konzepts von posthumaner Performativität (Barad), das interdisziplinär anschlussfähig ist, auf rezente Umbrüche reagiert und einen neuen Materialismus des Performativen entwirft.